Das ungastliche Gasthaus

 

“Herzlich Willkommen” oder “Geschlossene Gesellschaft”?

Wie gehe ich achtsam mit Gefühlen und Gedanken um? Wer sich jemals mit dieser Frage beschäftigt hat, steigt über kurz oder lang in Rumis berühmt-berüchtigtem „Gasthaus“ ab. Erbaut im 13. Jahrhundert, vom bekanntesten aller Sufi-Mystiker, verzaubert die einmalige Atmosphäre des Gebäudes auch heute noch seine Besucher:

Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus.
Jeden Morgen ein neuer Gast.

Freude, Depression und Niedertracht –
auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit
kommt als unverhoffter Besucher.

Begrüße und bewirte sie alle!
Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist,
die gewaltsam Dein Haus
seiner Möbel entledigt,

selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll.
Vielleicht bereitet er dich vor
auf ganz neue Freuden.

Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
begegne ihnen lachend an der Tür
und lade sie zu Dir ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn alle sind zu Deiner Führung
geschickt worden aus einer anderen Welt.

(Rumi, 1207 – 1273)

Ein Traum! Da stehe ich an der Schwelle meiner Luxusherberge, eine souverän  lächelnde Gastgeberin, während ein eifriger Portier jedem ankommenden Gefühl und Gedanken den roten Teppich ausrollt. In heiterer Gelassenheit verteile ich die Zimmer, lade alle zum Festessen in die gute Stube, und mache erst das Licht aus, nachdem sich Neid und Großzügigkeit als letzte Gäste gute Nacht gesagt haben.

Soviel zur Theorie. Doch grau, teurer Freund, ist alle Theorie, lässt Goethe seinen Mephisto die Tücken des rein kognitiven Verstehens auf den Punkt bringen. Des Lebens grün-goldner Baum, kurz Praxis genannt, sieht anders aus:

Ein Rollkommando aus Wut, Entrüstung und Rechthaberei übernimmt kurzerhand den Laden, fesselt und knebelt die gar nicht mehr souveräne Gastgeberin, jagt alle anderen Gäste zum Teufel und hinterlässt beim Abzug eine Spur der Verwüstung. Je länger sich die Aufräumarbeiten hinziehen, desto weniger bin ich bereit, jeden dahergelaufenen Kostgänger zu bewirten. Ist ja auch absurd, für jeden dankbar zu sein, der kommt. Da schreib ich doch lieber eine vernünftige Gästeliste!

Ins frisch renovierte Haus kommen nur noch gern gesehene Stammgäste: Freude und Heiterkeit  beziehen die besten Zimmer, die Hausdame achtet penibel darauf, dass ihnen nichts mangelt, was die flatterhafte Klientel jedoch nicht davon abhält, von heute auf morgen grußlos die Koffer zu packen. In der Nebensaison schauen auch mal Ungeduld, Enttäuschung oder Hader auf einen Kurzbesuch vorbei, ohne dass ihnen gleich Hausverbot droht.

Wenn sich jedoch die Sorgenschar daran macht, wertvolle Betten und antike Schränke heraus zu schleppen oder der dunkle Gedanke drei Wellness-Suiten auf einmal besetzt, ist Schluss mit lachender Bewirtung.  Auch Niedertracht, Scham und Depression passen nicht so recht in mein Marketingkonzept. Schließlich führe ich das beste Haus am Platz, da gilt es, den guten Ruf nicht zu verlieren. Gibt man diesem Gesindel die kleinste Dachkammer für eine einzige Nacht, nimmt es gleich die Penthouse-Suite für 30 Tage. Also wird das „Willkommen“ Schild am  Eingang abmontiert und durch  „Privatclub – Zutritt nur für geladene Gäste!“ ersetzt. Ohne Ausweis und Referenzen kommt keiner mehr rein!

Ich feuere den Portier und engagiere einen professionellen Türsteher. Doch auch der kann Bosheit ‚ Depressionen & Co. nicht so einfach abwimmeln. Gut getarnt nehmen sie den Lieferanteneingang, schlängeln sich durchs Klofenster oder klettern über den Balkon. Um nicht als wehrloses Opfer zu enden, rüste ich auf: Um das Haus eine Mauer, Steinpoller vor der Einfahrt, Videoüberwachung rund um die Uhr, Selbstschussanlagen, Stacheldraht und Tretminenfeld – bald ist mein Gasthaus besser gesichert als Fort Knox! Zimmermädchen, Kaltmamsell, Barkeeper, Köche und der Mann am Klavier haben die Nase voll von täglichen Taschenkontrollen und das verbliebene der Sicherheitspersonal versteht von Service so viel wie Ostberliner Kellner zu Honeckers Zeiten. „Auf nimmer Wiedersehen“, hör ich den letzten Stammgast noch schimpfen, bevor auch er sich davon macht.

Ein Albtraum. Da stehe ich an der Schwelle meiner entvölkerten Luxusherberge, eine Gastgeberin ohne Gefühle und Gedanken, während ein müder Türsteher den roten Teppich einrollt. – Vielleicht ist Rumis Idee, einfach jeden zu begrüßen und zu bewirten doch die bessere Alternative?

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