Der geraubte Atem

Chupze, Kalkül, Zynismus oder einfach nur doof?

Soviel Aufrichtigkeit war der deutschen Autoindustrie gar nicht mehr zuzutrauen. BMW wirbt für seine 8er-Reihe mit „Gebaut, um den Atem zu rauben“. Kommt nun nach Dieselskandal, Fahrverbot, Abgasbetrug, Feinstaubwirbel und Schummelsoftware die schlichte Wahrheit endlich auf den Tisch bzw. die Straße? Wird VW nachziehen mit dem Slogan „Stadtluft macht frei“ und Mercedes mit „Konstruiert, damit der Sommer in Deutschland nie mehr zu Ende geht“ neue Maßstäbe in puncto Ehrlichkeit schaffen?

Doch kommen wir noch einmal zum Atmen zurück. Das Leben beginnt mit dem ersten Atemzug und wird hoffentlich nicht bei Anblick oder Ausstoß eines atemberaubenden Cabrio-Modells enden. Nicht von ungefähr ist der Atem das beliebteste Konzentrationsobjekt in der Meditation. Egal, ob wir uns seiner bewusst sind oder nicht, wir haben ihn immer dabei. Atmen können wir nur im gegenwärtigen Moment. Der Atem ist eine Art Tor, durch das wir jederzeit zu uns selbst zurückkehren können. „Den Atem zu betrachten heißt, das Leben selbst zu betrachten“, behauptet der Meditationslehrer Larry Rosenberg in seinem Buch „Mit jedem Atemzug“.

Dort erzählt er auch eine alte indische Geschichte: Die fünf Sinne und der Geist trafen sich zu einer Konferenz und konnten sich nicht einigen, wer den Vorsitz übernehmen soll. Das Sehen zauberte die lieblichsten Bilder hervor, das Hören ließ himmlische Melodien erklingen, der Geist spann weise und tiefe Theorien, und der Geruchssinn verströmte verführerische Düfte, die der Geschmackssinn mit delikaten Aromen zu übertrumpfen versuchte. So konkurrierten sie miteinander, bis der Atem leise vorschlug, er könne den Job übernehmen. Die anderen bemerkten ihn gar nicht und stritten weiter, sodass sich der Atem allmählich enttäuscht zurückzog. Plötzlich wurden die Bilder blasser, der Geschmack fade und die Klänge verstummten. „Komm zurück“ riefen Sinne und Geist, „Wir brauchen dich!“ und überließen dem Atem den Vorsitz.

Und die Moral von der Geschicht? Hüten Sie Ihren kostbaren Atemschatz und lassen ihn sich weder von den Biedermännern der deutschen Autoindustrie noch anderen Brandstiftern rauben!

 

 

 

Kommentare sind geschlossen.