Der hochinfektiöse Achtsamkeitserreger (Teil 4)

Stell Dir vor es ist Krieg – und keiner geht hin!

Sind wir wirklich im Krieg? So wie wir die letzten Jahre den Klimawandel, unser Mangel-Ich und den Rassismus bekämpft haben, machen wir es heute mit dem Virus und unseren Ängsten. Mangel-Ich, Klimawandel und Rassismus sind nicht besiegt, sondern höchst gegenwärtig. Warum sollten wir gegen das Virus und unsere Ängste plötzlich erfolgreicher sein?

Patienten verlieren den Kampf gegen den Tod, Faktenchecker jagen Fake-News, Krankenschwestern kämpfen für das Leben der Patienten, Virologen führen Feldzüge gegen die Zeit und Olaf Scholz fährt die Bazooka gegen den Abschwung aus.

Weil schon in scheinbaren Friedenszeiten rhetorischer Dauerkrieg herrschte, greifen wir in Gefahr auf bewährte Kriegslogik zurück. Kein Corona ohne Kampf und Mobilisierung aller Mittel. Dann folgt die Ermahnung, brav und geduldig in  unseren vier Wänden zu warten. In den Kampf ziehen die schon vor der Krise überlasteten LKW-Fahrer, Kassiererinnen, Assistenzärztinnen und Krankenpfleger beklatschen.

Doch an der Heimatfront nicht mehr zu kämpfen wäre Kapitulation, bedingungslose Niederlage, endgültige Resignation. Wir verharren in der Blackbox des Kriegsdenken, glauben daran, getrennt voneinander zu sein und bekämpfen unseren Nächsten wie uns selbst. Wir setzen Leben mit Kampf gleich. Wer nicht kämpft, kommt nicht vom Fleck.

Der wunderbare Spruch der guten alten Friedensbewegung beweist das Gegenteil: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Wohin gehen wir, wenn der Krieg ausfällt? Vielleicht auf eine Entdeckungsreise, die keinerlei Ausgangsbeschränkungen unterliegt?

Was geschieht, wenn wir uns erlauben, einmal, so zu sein, wie wir sowieso schon sind? Wenn wir die hausinternen Scharmützel gegen Lähmung, Verunsicherung, Zukunftsangst und Kreisgedanken beenden, dem idealen Krisen-Ich ein müdes Lächeln schenken und uns unseren Empfindungen, Gefühlen und Gedanken zuwenden. Einen ewigen Friedensvertrag brauchen wir nicht zu schließen. Es reicht, die Waffen schweigen und sich selbst für eine Viertelstunde ein wenig in Ruhe zu lassen:

 
Bei sich selbst angekommen zu sein, ist kein schlechter Platz, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt:

 

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