Mrs. Trump schafft Erinnerungen

Gegenwartsvermeidungsstrategin

 

“Ich freue mich auf die Erinnerungen, die wir uns in unserem neuen Heim schaffen werden! “, twitterte Amerikas First Lady bei ihrem Einzug ins neu renovierte Weiße Haus und postete dazu ein Foto vom Ausblick auf das Washington Monument. Ihre wohlgewählte Formulierung gab mir zu denken. Sie freut sich ganz offensichtlich nicht, im neuen Heim zu leben. Wenn man bedenkt, mit wem sie jetzt Tisch und Bett teilen wird, ist das ja auch durchaus verständlich.  Freude kommt für sie also erst wieder auf, wenn aus der Zukunft  unter Umgehung der Gegenwart Vergangenheit geworden ist.  Sie freut sich also darauf, wieder aus dem Weißen Haus auszuziehen, um dann in den dort geschaffenen Erinnerungen zu schwelgen.

Die amerikanische First Lady ist allerdings nicht die einzige, die das Leben aus  dieser Perspektive zu betrachten scheint. Ob Umzug, Konzert, Urlaub, Hochzeit oder sonstiges Event, gefreut wird sich weniger auf das Geschehen an sich, sondern auf die – möglichst lückenlos und hochglanzmäßig dokumentierte – Erinnerung daran.  Aus diesem Grund ist dann auch entscheidend, was man dabei trägt, ob die Frisur sitzt und das strahlende Lächeln auf dem Bild authentisch genug überkommt, und nicht, wie es einem dabei geht. Für die tatsächliche Bühne des Lebens, den gegenwärtigen Moment, für Körperempfindungen, Sinneseindrücke, aufkommende und verschwindende Gedanken und Gefühle bleibt  keine Zeit mehr. Im eigenen Leben schauen wir dann in der Erinnerung vorbei.

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