Wackelbrett-Erkenntnisse

Fände ich nur endlich den Trick, würde mich nichts mehr aus dem Gleichgewicht bringen!

 Ich übe mich in Geduld. Allerdings auf eine sehr direkte, körperliche Art und Weise, die mir ganz unverhofft erstaunliche Einblicke in die Welt meiner Handlungs-, Gedanken- und Gefühlswelt liefert.

Weil derzeit die linke Hüfte schmerzt, versuche ich die innere Beinmuskulatur mit einem sogenannten Wackelbrett zu stärken. Das ist ein kreisrundes Holzbrett  auf dessen Unterseite eine Halbkugel befestigt. Da stellt man sich drauf und versucht so gut wie möglich das Gleichgewicht zu bewahren.

Es ist eine elende Wackelei . Zu viel Gewicht auf dem einen Bein, zu weit nach vorn gebeugt, ganz allgemein zu unruhig. Das Balance-Board kippt und ich bemühe mich so geduldig wie möglich um Ausgleich. Das „geduldig“ bezieht sich dabei weniger auf den körperlichen Akt, ein Gleichgewicht herzustellen, als darauf, vor den unentwegt plappernden Stimmen in meinem Kopf weder davon zu laufen, noch alles zu tun, was sie vorschlagen, noch ihnen den Mund zu verbieten. „Reiß dich zusammen!“, zischen sie, „Gib’s auf und mach etwas Sinnvolles!“,  schlagen sie vor, und am lautesten von allen brüllt „Finde endlich den verdammten Trick raus, dann wird alles gut!“.

Also bemühe ich mich krampfhaft, einen Zustand dauerhafter und unerschütterlicher Ruhe zu erreichen. Gelingt dies für einen Wimperschlag, wackle ich schon wieder rum und lande erneut in der Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Warum bekomme ich den Dreh nicht raus? Wahrscheinlich muss ich mich nur ein bisschen mehr anstrengen, dann klappt es schon. Und was geschieht? Stets wirft mich ein lautes Geräusch, ein Atemzug, ein Muskelzucken aus dem so ungeduldig angestrebten Gleichgewicht.

Wie auf dem Wackelbrett, so auch im richtigen Leben. Stets warte ich darauf, dass etwas eintreten soll, damit endlich alles gut wird. Tritt das herbeigesehnte Ereignis dann tatsächlich ein, ist trotzdem nicht alles gut. Es geht darum, das Gleichgewicht von Moment zu Moment  zu suchen. Gelingt dies auf dem Wackelbrett, brauche ich gar nicht geduldig zu sein, da es keinen zukünftigen Moment gibt, auf den ich verzweifelt hinarbeite.  Dann nehme ich einfach ein bisschen Spannung aus den Händen, lasse das Unterkiefer locker, verlagere Gewicht ins rechte Bein und kippe ein wenig das Becken. Alles ist gut.

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